Lernkultur und Lehrkultur

Bessere Lehre durch Veränderung von Lehrkultur und Lernkultur

Lernkultur und Lehrkultur
Lernkultur und Lehrkultur

Qualitativ hochwertige Lehre – ein Gruppenprozess mit organisationalen Voraussetzungen

Die Qualität der Lehre ist häufig ein entscheidendes Auswahl- und Zufriedenheitskriterium für Studierende privater Hochschulen. Als zahlende Kunden und Auszubildende zugleich, verleihen sie im Zweifelsfall ihrer Unzufriedenheit mit ihren Füßen Ausdruck. In diesem Text diskutiere ich, wie der vermeintliche Widerspruch zwischen zahlender Kundschaft und Auszubildenden als Chance genutzt werden kann, um eine Lehr- und Lernkultur zu schaffen, die von hoher Qualität geprägt ist.

Die Anspruchsmentalität der Studenten – Fluch oder Segen privater Hochschulen?

Die berechtigte Leistungserwartung von Studierenden als zahlende Kunden kann unter bestimmten organisationalen Bedingungen in einer Anspruchsmentalität münden, mit der Dozierende von Experten zu Dienstleistern degradiert werden. Verbreitet sich eine solche Haltung hat dies, gerade in Bildungseinrichtungen, die auf interaktive Lehrformate und die Zusammenarbeit in kleinen Gruppen setzen, verheerende Folgen für die Qualität der Lehrveranstaltung. Das Bedienen teils imaginierter Erwartungen, verdrängt dann häufig das für qualitativ hochwertige Lehre erforderliche intrinsische Interesse an der Vermittlung von Wissen und Expertise. Bereit im Zweifelsfall mit Blick auf die nächste Lehrevaluation, Lehre durch Infotainment zu ersetzen, sinkt nicht nur die Identifikation des Lehrpersonals mit dem Lehrauftrag, sondern auch ihr Ansehen. Die Anspruchsmentalität der Studenten als zahlende Kunden wird bedient. Die Folge: Das Vertrauen in die Expertise und didaktische Kompetenz der Lehrenden nimmt weiter ab und damit einhergehend auch die Bereitschaft der Studierenden zu Leistung.

Die Anspruchsmentalität der Studierenden – Fluch oder Segen privater Bildungseinrichtungen?

Sind jedoch weder Studierende noch Dozierende bereit sich mit herabgesetzten Leitungsansprüchen zufrieden zu geben, führen auseinandergehende Erwartungen in die Konfrontation – ein Muster, das nicht nur bei didaktisch problematischen sondern ebenso bei besonders anspruchsvollen Lehrangeboten üblich ist. Gerade dies ist jedoch eine Chance für qualitativ hochwertige Lehre. In solchen Situationen wird nämlich nicht nur die Qualität des jeweiligen Lehrangebots verhandelt, sondern auch die Leistungsansprüche der Studenten und die damit einhergehenden Vorstellungen guter Lehre.

Welchen Nutzen eine private Bildungseinrichtung aus dieser Leistungsorientierung ziehen kann, ist jedoch abhängig davon, wie das Thema hinter dem Thema verhandelt wird: Welche Normen des Umgangs mit divergierenden Erwartungen bezüglich legitimer Anforderungen werden vermittelt? Welcher Stellenwert wird unterschiedlichen Qualitätskriterien guter Lehre zugeschrieben? Wie wird die Rolle der Studierenden, ihre Verantwortung für den Erfolg der Lehrveranstaltung definiert?

Die Verantwortung für das Gelingen einer Lehrveranstaltung mitzutragen, bedeutet nämlich nicht nur seinen Pflichten hinsichtlich Vorbereitung, Nachbereitung und aktiver Teilnahme nachzukommen. Sie bedeutet auch die Verantwortung für die Qualität der Lehre in zweierlei Hinsichten mitzutragen: Die eigenen Vorstellungen in eine qualitativ hochwertige Lehrveranstaltung einzubringen und somit die Lehrveranstaltung aktiv mitzugestalten sowie damit einhergehende Verantwortung für den Gruppenprozess mit zu übernehmen. Und genau dies ist auch die Bedeutung des zunächst recht unschuldig daherkommenden Satzes: Entscheidend ist eine Lehr- und Lernkultur, in der qualitativ hochwertige Lehre als gemeinsame Verantwortung von Lehrendem und Lernendem verstanden und gelebt wird.

Besonders erfolgversprechend ist also eine Rollendefinition bei der Studierende mit ihrem Ausbildungsvertrag eher das Recht erhalten als Organisationsmitglieder, die Qualitätskriterien ihrer Organisation aktiv und lösungsorientiert mitzugestalten und nicht als zahlende Kunden/-innen die Lieferung der vereinbarten Dienstleistung einzufordern.

Vom Leitbild einer guten Lehr- und Lernkultur zur gelebten Realität – Steuerungsinstrumente und manageriale Maßnahmen

Ein Wandel der Lehr- und Lernkultur bedarf einer Veränderung, die auf der Einstellungs- sowie auf der Verhaltensebene greift. Auf der operativen Ebene einzelner Lehrveranstaltungen ist die Fähigkeit des Dozenten bzw. der Dozentin den Gruppenprozess zu verstehen und im Sinne der Lernziele der Veranstaltung zu lenken ein zentraler Erfolgsfaktor.

Das Gruppengeschehen einer Lehrveranstaltung zu verstehen, ist jedoch ein voraussetzungsvoller und zeitaufwendiger Prozess. Ist eine wirklich qualitativ hochwertige Lehr- und Lernkultur erwünscht, sollte die Verantwortung für die Etablierung eines entsprechenden Rollenverständnisses nicht dem einzelnen Dozierenden überlassen werden – und zwar gerade in privaten Bildungseinrichtungen, die allein schon aufgrund ihrer Praxisorientierung einen Großteil ihres Lehrangebots über Lehrbeauftragte realisieren.

Getragen wird die Lehr- und Lernkultur einer Einrichtung von der Einstellung und Haltung der Bereichs- und Hochschulleitung sowie des darin zum Ausdruck kommenden Verständnisses von Studierenden und Dozenten/-innen als Kunden und Dienstleistern oder als Mitverantwortliche, von denen eine aktive Mitgestaltung und konstruktive Lösungen auf Augenhöhe erwartet wird.

Erforderlich sind jedoch auch Instrumente und Maßnahmen, welche die strukturellen Voraussetzungen für die erwünschte Haltung und das erwünschte Rollenverständnis etablieren – Kommunikationsinstrumente und Beteiligungsformate sowie Instrumente der Qualitätssicherung und Kompetenzförderung, die eine institutionelle Verankerung einer qualitativ hochwertigen Lehr- und Lernkultur ermöglichen.

Veranschaulichen lässt sich dies am Beispiel von Lehrevaluationen. Werden Lehrevaluationen als optionale Möglichkeit seinem Wohlwollen oder seiner Missgunst Ausdruck zu verleihen oder gar als Alternative zu einer zeitnahen Äußerung von Kritik genutzt, bilden sie den idealen Nährboden für eine „teach-me-if-you-can“ Mentalität. Werden Lehrevaluationen nicht nur als Instrument der Legitimierung von Personalentscheidungen, sondern auch als Feedbackinstrument ernst genommen, bedarf es eines institutionellen Settings, welches einen konstruktiven und lösungsorientierten Umgang mit negativen Bewertungen ermöglicht.

Fazit

In den Werkzeugkasten managerialer Instrumente zu greifen und ohne Rücksicht auf die charakteristischen Merkmale und aktuellen Herausforderungen der eigenen Organisation auf Patentrezepte zu setzen, kann genau das Gegenteil vom Intendierten bewirken. Bei Maßnahmen die auf eine Veränderung auf der Verhaltens- und Einstellungsebene abzielen, ist insbesondere ein differenziertes Verständnis der Implikationen für das Rollenverständnis der Beteiligten erforderlich. Ein Rollenverständnis bei der Studierende sich nicht nur als Konsumenten von Lehrinhalten verstehen, sondern als mitverantwortliche Organisationsmitglieder liefert auch den Stoff aus dem eine tiefe Zugehörigkeit zu und eine nachhaltige Identifikation mit der Bildungseinrichtung erzeugt wird.

Literatur

Hinz A. (2012): Lehr- und Unterrichtsevaluationen durch Studierende und Schüler mittels Ratingskalen. Valide und nützlich oder verzerrt und schädlich?, Journal für Psychologie, Jg. 20 (2).

König E./Volmer G. (2014): Handbuch Systemische Organisationsberatung, Grundlagen und Methoden (2.Auflage), Weinheim und Basel.

Rindermann, H. (2003): Lehrevaluationen an Hochschulen: Schlussfolgerungen aus Forschung und Anwendung für Hochschulunterricht und seine Evaluation, Zeitschrift für Evaluation, 2, 233-256.

Stahl, E. (2012): Dynamik in Gruppen (3. Auflage), Weinheim und Basel.

Watzlawick, P. u.a. (2013): Lösungen (8. Auflage), Bern.

Wellhöfer, P.R.(2014): Gruppendynamik und soziales Lernen (4. Auflage), Konstanz und München.

Autorin – Dr. Arlena Jung ist Organisationsberaterin und Business Coach sowie promovierte Organisationssoziologin mit einem kommunikationstheoretischen und wissenschaftssoziologischen Forschungsschwerpunkt. Der Text basiert auf den Ergebnissen der von Dr. Arlena Jung und Dr. Philipp Philippen bei Schönfeld Unternehmensberatung durchgeführten Studie „Organisations- und Strategieentwicklung an privaten Hochschulen“.

Eine ausführlichere Version des Textes erscheint unter dem gleichen Titel in „Die Neue Hochschule“.

 

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