Lehrevaluation

Gefahren der Lehrevaluation erkennen und vermeiden

LehrevaluationLehrevaluation an privaten Bildungseinrichtungen – eine kontraproduktive Integration von Steuerungsimpulsen?

Lehrevaluationen sind inzwischen nicht mehr aus Bildungseinrichtungen wegzudenken. Falsch eingesetzt können Lehrevaluationen jedoch ineffektiv bis kontraproduktiv sein.

Zusammenfassung

Lehrevaluationen sind inzwischen nicht mehr aus Bildungseinrichtungen wegzudenken. Falsch eingesetzt  können Lehrevaluationen jedoch ineffektiv bis kontraproduktiv sein. Es besteht die Gefahr der Verstetigung von negativen Regelkreisen. Der Experten/Laien-Status wird umgedreht – ein Rollenverhältnis, das von grundlegender Bedeutung für die Autorität von Dozenten ist. Allein schon die Angst vor negativen Bewertungen kann eine negative Wirkung auf das Lehrpersonal und damit die Qualität der Lehre haben– insbesondere dann, wenn davon ausgegangen wird, dass gute Bewertungen durch leicht verdauliche Häppchen, Entertainment und gute Noten erkauft werden müssen. Eine Lösung ist die Institutionalisierung von interaktiven Qualitätsdiskussionen und Feedbackveranstaltungen unter Beteiligung von Studenten, Lehrenden und Leitungspersonal.  Diese Formate sind unerlässliche Momente der Etablierung einer qualitativ hochwertigen Lehr- und Lernkultur. Sie unterstützen eine Kultur in der Lernen als interaktiver Prozess verstanden wird und für dessen Erfolg Lernenden und Lehrenden die gemeinsame Verantwortung tragen.

Lehrevaluationen an privaten Bildungseinrichtung

Lehrevaluationen sind inzwischen nicht mehr aus Bildungseinrichtungen wegzudenken. Ziel ist eine Verbesserung der Qualität des Lehrangebots. In der Regel werden sie zugleich als Informations-, Kontroll- und Lerninstrument eingesetzt. Über die Ergebnisse der Evaluationen werden Erkenntnisse über die Leistungen individueller Dozenten aber auch die Stärken und Schwächen bestimmter Lernformate, ganzer Fachbereiche oder in kleineren Hochschulen gar der gesamten Einrichtung gewonnen. Sofern nicht ein reiner Verwaltungsakt um gesetzlichen Auflagen nachzukommen, beeinflussen die Ergebnisse auch personelle Entscheidungen. Bei anhaltenden und veranstaltungsübergreifend schlechten Bewertungen werden Lehraufträge nicht mehr erteilt, Vertragsverlängerungen bleiben aus. Erwünscht sind aber auch positive Lerneffekte auf der Ebene individueller Dozenten. Die Ergebnisse von Lehrevaluationen sollen Lehrenden als Feedback dienen und somit ihre Leistung und Leistungsfähigkeit steigern. Falsch eingesetzt können Lehrevaluationen jedoch ineffektiv bis kontraproduktiv sein.

Bewerten und Bewirten

Der Nutzen von Lehrevaluationen als Instrument der Qualitätssicherung aber auch die damit verbundene Gefahr der Verstetigung von negativen Regelkreisen wird besonders deutlich bei privaten Bildungseinrichtungen. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Qualität vom Lehrangebot überlebenswichtig für privaten Hochschulen und Akademien. Studenten sind nicht nur Auszubildende sondern auch zahlende Kunden, die im Zweifelsfall mit ihren Füßen bzw. ihrem Portemonnaie ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen. Es hängt aber ebenso mit der Organisationsstruktur privater Bildungseinrichtungen zusammen. An den meisten privaten Hochschulen besteht ein Großteil der Dozenten aus freiberuflich Angestellten. Dieses nicht immer didaktisch ausgebildete, manchmal auch nur für einzelne Lehraufträge eingestellte Personal, sieht sich mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: eine gelungene Theorie-Praxis-Verzahnung, eine auf die alltäglichen Anforderungen der betrieblichen Praxis abgestimmte Ausbildung, die zugleich aber breit genug angelegt ist, um Flexibilität in der beruflichen Laufbahn zu ermöglichen, die Anwendung von Lehrformaten, mit denen das Lehrpersonal nicht immer vertraut ist – und dies oft bei einer Studentenschaft, mit einer recht diversen Lernbiographie.

Trotz empirischer Evidenz, welche die Reliabilität studentischer Bewertungen belegt, sind negative Vorurteile unter Dozenten weit verbreitet. Der Mythos studentischer Lehrveranstaltungskritik: Bewertungen seien weniger ein Spiegel der Qualität der Lehre als vielmehr des Unterhaltungswertes der Dozenten. Zudem herrsche eine „so wie Du mir, so ich Dir“ Mentalität: Dozenten die ihre Studenten schlecht benoten, werden mit einer schlechten Evaluation quittiert. Empirische Studien zeigen, dass Faktoren wie die Attraktivität des Lehrenden oder das Interesse an dem Thema der Veranstaltung tatsächlich eine gewisse Rolle spielen. Jedoch insbesondere multi-faktorale Evaluationen ermöglichen jedoch recht zuverlässige Aussagen über die Lehrkompetenz einzelner Dozenten.

Nur auf den ersten Blick vermag es zu überraschen, dass ausgerechnet unter Akademikern anekdotische Evidenz und persönliche Erlebnisse genügen, um negative Vorurteile am Leben zu halten. Studentische Evaluationen beinhalten nämlich in mehrerlei Hinsicht eine Umkehr der Machtverhältnisse. Der Experten/Laien-Status wird umgedreht – ein Rollenverhältnis, das von grundlegender Bedeutung für die Autorität von Dozenten ist. Als Evaluierende sind die Studenten die Experten für die Qualität der erbrachten Lehrleistungen, die Dozenten sind hier die „Auszubildenden“, die aufgrund des erteilten Feedbacks lernen sollen. Damit einhergehend üben die Studenten über ihre Bewertungen Einfluss auf die Karriereperspektiven der Dozenten aus. Allein schon die Aufforderung die Qualität der Lehre zu bewerten, kann, falsch gerahmt, das Vertrauen der Studenten in die didaktischen Fähigkeiten und inhaltliche Kompetenz der an der Hochschule tätigen Dozenten unterminieren – so Andrew Hood, Geschäftsführer der Akademie für internationale Bildung in Bonn, und ehemaliger Verantwortlicher für Fernsehen und Film an der DEKRA Hochschule für Medien. Lehrevaluationen laufen also Gefahr, Impulse zu setzen, die sich negativ auf die ohnehin herausfordernde Integration der Rollen von Studenten als Auszubildende und Kunden auswirken. Allein schon die Angst vor negativen Bewertungen kann eine demotivierende Wirkung auf das Lehrpersonal haben- insbesondere dann, wenn davon ausgegangen wird, dass gute Bewertungen durch leicht verdauliche Häppchen, Entertainment und gute Noten erkauft werden müssen. Somit wird die Fähigkeit der Dozenten Leistungsansprüche durchzusetzen beeinträchtigt. Schlimmstenfalls ersetzt die Orientierung der Dozenten an den Ansprüchen der Studenten als zahlende Kunden, die Orientierung der Studenten als Auszubildende an den Anforderungen der Dozenten. Die Konsequenz: Das Bedienen teils imaginierter Erwartungen, verdrängt das für qualitativ hochwertige Lehre erforderliche intrinsische Interesse an der Vermittlung von Wissen und Expertise. Das Vertrauen der Studenten in die Expertise und didaktische Kompetenz der Lehrenden nimmt weiter ab.

Sind Lehrevaluationen also ein inzwischen selbstverständliches Steuerungsinstrument, dass aber dazu verdammt ist, widersprüchliche und teils kontraproduktive Impulse zu setzen?

Entscheidend ist die organisationale Einbettung

Entscheidend für den Erfolg von Lehrevaluationen als Instrument der Qualitätssicherung ist ihre organisationale Einbettung. Zwar haben in Extremfällen Evaluationen durchaus ihre Berechtigung als Steuerungsinstrument, das personelle Konsequenzen bis hin zur Entlassung haben kann. Als Steuerungsinstrument betrachtet, dienen sie aber vor allem dazu, die Orientierung der Lehrenden an bestimmten Qualitätskriterien zu fördern. Idealerweise fungieren Evaluationen dabei nicht als eine Form von Feedback, aus dem Dozenten lernen und somit in die Lage versetzt werden, ihre Lehrangebote zu verbessern. Wie können also Lehrevaluationen so eingesetzt werden, dass sie in der Regel einen positiven Umgang auch mit negativem Feedback ermöglichen? Um einen positiven Umgang mit teils negative Bewertungen zu ermöglichen, brauchen Dozenten eine entsprechende Förderung. So beschreibt Prof. Zipperling, Geschäftsleiterin der FOM in Berlin eine Hochschulpolitik, in der die Hochschulleitung sich auch bei Kritik vor ihre Dozenten stellt. Nicht Schelte oder gar die Aufhebung von Verträgen sind die Folge, sondern didaktische Weiterbildungsangebote. Kurz, ein geschützter Raum wird geschaffen, in dem Lehrende in schwierigen Situationen unterstützt werden und Angebote wahrnehmen können, die ein Lernen aus negativem Feedback ermöglichen.

Die Qualität einer Lehrveranstaltung liegt jedoch nicht nur in den Händen des Dozenten. Die Effektivität von Lehrveranstaltungen basiert auf ihrer Eigenschaft als interaktiver Prozess. Das Interesse der Studenten, ihre Bereitschaft aktiv teilzunehmen und sich angemessen vorzubereiten, ebenso wie gruppendynamische Prozesse sind Einflussfaktoren, welche ebenso essentiell für den Lernerfolg, sind wie die Lehrkompetenz des Dozenten. Mit der Verstetigung einer Anspruchsmentalität sinkt jedoch die Motivation der Studenten selbst, die Verantwortung für ihren Lernerfolg zu übernehmen. Dozenten werden von Experten zu Dienstleistern degradiert, bereit im Zweifelsfall mit Blick auf die nächste Evaluation, Lehre durch Infotainment zu ersetzen. Und somit sinkt wiederum die Identifikation des Lehrpersonals mit dem Lehrauftrag.

Wie kann man also verhindern, dass Lehrevaluationen eine Organisationskultur lancieren, in der Feedback eine Anspruchsmentalität fördert und Qualitätsanforderungen mit der Erwartung des Bewirtens einhergehen? Die Herausforderung hier ist eine positive Atmosphäre der gegenseitigen Unterstützung zu etablieren, bei der sowohl die Anforderungen als auch die Kritik der Studenten ernstgenommen werden, ohne jedoch die Eigenverantwortung der Studenten in den Hintergrund zu stellen. So sind viele Bildungseinrichtungen inzwischen dazu übergegangen, Lehr- mit Lernevaluationen zu kombinieren. Parallel zur Dozentenevaluation wird der Beitrag der Studenten zur Lehre bewertet, teils sowohl von den Dozenten als auch von den Studenten selbst. Sind standardisierte Fragebögen und Benotungssysteme aber im Kontext der oben beschriebenen Spannungsfelder ausreichend, um einen Regelkreis der sich verstärkenden Anspruchs- und Dienstleistungsmentalität zu unterbinden? Oder anders formuliert: Ist dieses Format dazu geeignet, eine Kultur zu etablieren, in der die Qualität eines Lehrangebots als gemeinsame Verantwortung von Dozenten und Studenten verstanden und gelebt wird?

Ein Plädoyer für interaktive Qualitätsdiskussionen und Feedbackrunden

Wirft man einen Blick in die operative Realität privater Bildungseinrichtungen, sieht man, dass der Austausch der Leitungsebene mit Studenten über ihre Erwartungen und Anforderungen einen wichtigen Anteil der Führungstätigkeiten darstellt. Diese meistens historisch entstandene Form der interaktiven Vermittlung ist ein im Kontext der spezifischen Spannungsfelder privater Bildungseinrichtung durchaus funktionales Führungsinstrument. Zum Teil fungiert sie als Form des Krisenmanagements. Beschwerden über das Angebot eines Dozenten werden an die Hochschulleitung herangetragen und im Dialog mit den Beteiligten werden gangbare Lösungswege erarbeitet. Dabei werden häufig die zugrundeliegenden Ansprüche und Annahmen über gute Lehre thematisiert und nicht selten von der Leitung kritisch hinterfragt.

Welche sind jedoch die für den Lernerfolg einer Veranstaltung ausschlaggebenden Kriterien? Und: Woran ist überhaupt Lernerfolg zu messen? In Abhängigkeit von den kontextuell variierenden Randbedingungen, der aktuellen hochschulpolitischen Debatte, den branchenspezifischen Anforderungen sowie natürlich auch der subjektiven Perspektive und den Bedürfnissen und Lernbiografien der Beteiligten, variieren die Antworten. Entscheidend für die Qualität des Lehrangebots einer Bildungseinrichtung ist jedoch die Etablierung eines von Dozenten und Studenten geteilten Verständnisses der Kriterien guter Lehre, dem Nutzen von Varianz in diesen Kriterien sowie dem Beitrag von Studenten zur Qualität eines Lehrangebots.

Institutionalisierung von interaktiven Qualitätsdiskussionen und Feedbackveranstaltungen unter Beteiligung von Studenten, Lehrenden und Leitungspersonal sind meines Erachtens ein unerlässliches Moment der Etablierung einer qualitativ hochwertigen Lehr- und Lernkultur. Idealerweise findet diese Form der Evaluation in einem moderierten Gruppenformat statt. Ziel ist einerseits die operative, erfahrungsbasierte Expertise der Beteiligten für die Entwicklung übergreifender Qualitätskriterien und die Anpassung bestehender Lehrangebote zu mobilisieren, andererseits eine Lehr- und Lernkultur zu etablieren, in der Lernen als interaktiver Prozess verstanden wird und für dessen Erfolg Lernenden und Lehrenden die gemeinsame Verantwortung tragen. Der Bezug auf bestehende Lehrangebote und -formate – und nicht Dozenten – ermöglicht eine Entpersonalisierung von Bewertungen, die einen Raum für einen konstruktiven Austausch über gegenseitige Erwartungen und die Voraussetzungen zu ihrer Erfüllung schafft. Lösungsorientierte und aktivierende Fragen eignen sich wiederum, um die Rede von der Eigenverantwortung der Studenten bewusst erfahrbar zu machen und mit Leben zu füllen. Systemische Methoden des Perspektivenwechsels eignen sich wiederum, um ein gemeinsames Verständnis geteilter, aber auch zum Teil in Spannung zueinander stehender Anforderungen und Erwartungen zu entwickeln. Fragen, welche dazu anregen, den eigenen Beitrag am Lernerfolg mit zu bewerten, ermöglichen es, das Muster von gegenseitiger Verantwortungszuschreibung zu durchbrechen, um so ergänzend das trennende Verständnis von „wir“ und „die“ aufzulösen.

Sollen diese Veranstaltungen eine nachhaltige Wirkung haben oder gar Moment eines Kulturwandels sein, ist die Frage nach der Anschlusskommunikation von zentraler Bedeutung. Wie findet das hier erarbeitete Verständnis von Lehr- und Lernqualität wieder Eingang im System? Entscheidend ist also auch hier die organisationale Einbettung. Wie werden die Ergebnisse dieser Veranstaltungen in bestehende Formate wie Dozententreffs, Einführungsveranstaltungen, Lehrangebote zum Lernverhalten sowie standardisierte Formate der Lehrevaluation integriert? Welche Teilnehmer können mit welchen Formaten und Verfahren als Multiplikatoren eingesetzt werden? Wie kann die Identifikation mit den Inhalten dieser Veranstaltungen unter Studenten und Dozenten gefördert werden?

Kurz, Lehrevaluationen sind ein mächtiges Steuerungsinstrument, das jedoch gerade in privaten Bildungseinrichtungen die sehr reale Gefahr der Verstetigung eines negativen Regelkreises der Anspruchs- und Dienstleistungsmentalität mit sich bringt. Sollen sie die erwünschte Wirkung entfalten, ist sowohl die Entwicklung von Formaten, die eine entsprechende Lern- und Lehrkultur fördern als auch eine an bereits bestehende Strukturen angepasste organisationale Einbettung erforderlich.

Autorin: Dr. Arlena Jung

Dieser Text basiert zum Teil auf vorläufigen Ergebnissen der von Dr. Arlena Jung und Dr. Philipp Philippen bei Schönfeld Unternehmensberatung durchgeführten Studie „Organisations- und Strategieentwicklung an privaten Hochschulen„.

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